NGG warnt vor Post-Corona-Krise Das NRW-Gastgewerbe blutet personell aus

25. Mai 2021

43.000 Beschäftigte haben Branche binnen eines Jahres verlassen

Gemeinsamer Einsatz für die Gastro-Branche (v.l.): NGG-Landesvorsitzender Mohamed Boudih, Westfalenhallen-Betriebsräte Birigit Rittberg und Akram Samir sowie Torsten Gebehart, Geschäftsführer der NGG Region Dortmund.

Seit dem 15. Mai dürfen Gastro-Betriebe in NRW die Außenbereiche öffnen, wenn die Inzidenz unter 100 liegt. Ist damit die Krise vorbei? Ganz und gar nicht. Nach Einschätzung der NGG.NRW steht das nordrhein-westfälische Gastgewerbe auch nach den beschlossenen Lockerungen vor existentiellen Problemen. Die Branche blutet personell aus. Tausende haben bereits den Job gewechselt. Darauf machte die NGG.NRW bei einer Pressekonferenz im Kongresszentrum Westfalenhallen in Dortmund aufmerksam.

„Hotels, Gaststätten und Restaurants verzeichnen einen Fachkräfteschwund historischen Ausmaßes. Allein zwischen Juni 2019 und Juni 2020 haben 43.000 Beschäftigte – und damit jeder achte Arbeitnehmer – in NRW die Branche verlassen“, sagt NGG-Landesvorsitzender Mohamed Boudih unter Verweis auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Mit Blick auf weitere monatelange Lockdowns seit dem Herbst könnte mittlerweile fast ein Viertel aller Köchinnen, Kellner und Hotelangestellten in andere Branchen abgewandert sein, warnt die Gewerkschaft. Dies bestätigen auch Betriebsräte des Kongresszentrums. Birgit Rittberg und Akram Samir, Betriebsräte und NGG-Tarifkommissionsmitglieder, berichten, dass in ihrem Betrieb bereits 20 Prozent der Beschäftigten abgewandert sind. "Der Dehoga muss endlich mit unserer Tarifkommission über bessere Löhne und Arbeitsbedingungen sprechen, damit die Arbeit in der Gastronomie attraktiver wird und uns nicht die Leute davonlaufen", sagte Akram Samir, Betriebsratsvorsitzender des Kongresszentrum Westfalenhallen.

NGG-Tarifkommissionsmitglied Akram Samir im Radio-Interview: "Der Dehoga muss mit uns verhandeln, damit die Branche wieder attraktiv wird"

„Es ist gut, dass die Außengastronomie bei Inzidenzen unter 100 nun endlich wieder öffnen kann. Viele Menschen sehnen sich danach, endlich einmal wieder essen zu gehen oder Urlaub zu machen. Aber vielerorts gibt es schon jetzt niemanden mehr, der die Gäste bedient“, unterstreicht Boudih. Zu den Hauptgründen für den Personalschwund zählen nach Beobachtung der NGG die Einkommenseinbußen durch das Kurzarbeitergeld. Angesichts der niedrigen Löhne im Hotel- und Gaststättengewerbe kämen die Beschäftigten selbst mit 80 Prozent des Kurzarbeitergeldes ab dem siebten Bezugsmonat nicht über die Runden – und seien dazu gezwungen, sich beruflich umzuorientieren. „Schon vor Corona waren die Arbeitsbedingungen in der Branche alles andere als rosig. Die Betriebe haben es versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, so Boudih.  

Die Gewerkschaft NGG ruft den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Nordrhein-Westfalen dazu auf, gemeinsam einen Zukunftsplan für die Branche zu entwickeln. Dazu müssten umfassende Konzepte zum Schutz der Beschäftigten vor Infektionen gehören – und das Bekenntnis zu besseren Arbeitsbedingungen und tariflichen Standards. Diese seien nicht nur wichtig, um den Fachkräfteschwund zu stoppen. Letztlich stehe auch die Attraktivität der Innenstädte im Westen auf dem Spiel, sollte es nicht gelingen, genügend qualifiziertes Personal zu finden. „Darüber hinaus hat das Hotel- und Gaststättengewerbe eine enorme Bedeutung für andere Branchen wie die Brauwirtschaft, die Getränke- und Lebensmittelindustrie“, so Boudih weiter.

Zudem setzt sich die NGG weiterhin für ein branchenübergreifendes Mindestkurzarbeitergeld von 1.200 Euro im Monat ein. Mit der Öffnung der Außengastronomie und später der Innenräume mit deutlich reduzierten Platzkapazitäten werde die Branche nicht so gut laufen, dass die Kurzarbeit schnell beendet werden könne. „Auch in den kommenden Monaten dürften noch viele Beschäftigte in Kurzarbeit sein. Deshalb muss die Bundesregierung dringend beim Kurzarbeitergeld nachbessern“, verlangt Landeschef Boudih. Außerdem müsse den Gastro-Beschäftigten schnellstmöglich ein Impf-Angebot gemacht werden, da die Abstände etwa in den Küchen nicht immer optimal eingehalten werden könnten. Länder wie Hessen oder Rheinland-Pfalz haben hier die Priorität 3 bereits für weitere Berufsgruppen angepasst.  

Mit Blick auf die Öffnungen fordert die NGG außerdem eine verbesserte Kontaktnachverfolgung. Noch immer mangele es an einer App, mit der Termine für den Restaurantbesuch vereinbart und Kontaktdaten von Gästen erfasst werden können. Die „Zettelwirtschaft“ des letzten Sommers dürfe keine Neuauflage erleben, so Boudih. Der Politik wirft er bei dem Thema Versäumnisse vor. Aber auch die Hotels und Gaststätten und der Dehoga müssten eigene Initiative ergreifen. Um die Attraktivität der Innenstädte zu steigern, solle die NRW-Landesregierung neben den Corona-Hilfen für Unternehmen Maßnahmen auf den Weg bringen, die den Konsum in den Zentren (Gastro und Handel) belebten. „Wirtschaftsminister Pinkwart hat bisher keine Pläne vorgelegt. Hier muss mehr passieren. Sonst profitiert am Ende einzig Amazon.“

MINDEST-KURZARBEITERGELD VON 1.200 €: JETZT!

Das Kurzarbeitergeld reicht zum Leben nicht aus! Viele erhalten zurzeit deutlich weniger als 1.000 Euro. Das reicht gerade mal für die Miete. Die NGG fordert deshalb ein Kurzarbeitergeld von mindestens 1.200 Euro (Vollzeit). Die Menschen im Gastgewerbe können nichts für die Schließung ihrer Betriebe. Aber sie leiden am meisten darunter. Das ist mehr als ungerecht. Deshalb muss die Politik dringend nachbessern!

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