3,3 Milliarden Euro schwerer Überstunden-Berg in Nordrhein-Westfalen

Gewerkschaft NGG kritisiert Umsonst-Arbeit im Gastgewerbe

Ein enormer Überstunden-Berg türmt sich auf: Arbeitnehmer in Nordrhein-Westfalen haben ein Jahrespensum von rund 251 Millionen Arbeitsstunden zusätzlich geleistet. Das geht aus dem aktuellen Mikrozensus hervor. Jede zweite Überstunde (52 Prozent) blieb dabei unbezahlt. Mit insgesamt 131 Millionen „Umsonst-Überstunden“ schenkten nordrhein-westfälische Beschäftigte ihren Chefs damit rund 3,3 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt der „Überstunden-Monitor“, den das Pestel-Institut im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erstellt hat.

Mit Blick auf die laufende Hochsaison in Tourismus und Gastgewerbe ruft die NGG die rund 320.000 Beschäftigten der Branche in Nordrhein-Westfalen auf, ihre Arbeitszeiten genau aufzuschreiben. Immerhin zählen Hotellerie und Gastronomie zu den Wirtschaftszweigen, in denen regelmäßig an Wochenenden, Feiertagen und spätabends gearbeitet werde – mit etlichen Überstunden. „In vielen Hotels, Gaststätten und Pensionen ist Mehrarbeit zum Nulltarif gerade im Sommer an der Tagesordnung. Damit gehen ausgerechnet denen wichtige Einkünfte verloren, die auf jeden Cent angewiesen sind“, kritisiert NGG-Vorsitzender Guido Zeitler.

Gerade Minijobber, die als Saisonkräfte arbeiteten, litten unter dem „Lohn-Geiz“ der Chefs. „Da ein 450-Euro-Job keinen Extra-Verdienst zulässt, werden Überstunden gar nicht oder mit Schwarzgeld bezahlt“, so Zeitler. Immerhin sei in NRW mehr als die Hälfte (58 Prozent) aller Arbeitsplätze in den Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen mit Minijobbern besetzt. Im nordrhein-westfälischen Gastgewerbe arbeiten rund 185.000 geringfügig Beschäftigte, so die NGG.

Die Gewerkschaft NGG hat die Kampagne „#fairdient“ gestartet, um den bundesweit gut 1,6 Millionen Beschäftigten im Gastgewerbe eine öffentliche Stimme zu geben. Über unbezahlte Mehrarbeit hinaus geht es dabei um den Schutz bestehender Standards. Denn der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen, warnt Zeitler. „Im Klartext geht es um ein Durchlöchern des Arbeitszeitgesetzes und die Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden.“

Für den Gewerkschafts-Chef steht fest: „Das Arbeitszeitgesetz ist ein Schutzgesetz. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass zu viel Arbeit krank macht. Schon heute klagt jeder dritte Beschäftigte in Deutschland bei Mehrarbeit über Schlafstörungen, Erschöpfung und Rückenschmerzen. Und die Unfallgefahr steigt deutlich, wenn Aufmerksamkeit und Konzentration in überlangen Schichten nachlassen.“

Infos zur Kampagne: https://fairdient.net/